Neue Helden, kleine Helfer und eine Menge Politik

Neue Helden, kleine Helfer und eine Menge Politik

Wie sich die Welt verändert, so verändern auch wir uns. Ein Satz, der stimmt und trotzdem bei den meisten Lesern ein müdes „ja ja“ hervorruft. Meine Sicht der Dinge steht gerade auf dem Prüfstand und über neues Wissen kehrte eine Begeisterung für kleine Wunder zurück in meinen Fokus –  Pflanzensamen. Klein und unscheinbar sind sie in Ruhestarre gefangen, bis sie auf etwas Erde und Wasser stoßen und plötzlich explodiert das Leben und Wachstum scheint aus dem nichts zu kommen. Ein Anblick, den wir bestimmt alle schon bewundern durften und fast jeder ist fasziniert, was die Pflanzen da so leisten, aber wer hegt dieses Leben noch selber? Vorgezogene Kräuter auf der Fensterbank und ein paar Blumen im Balkonkasten sind meist die Krönung für einen Städter. Salat, Gemüse und Obst kommt reichlich und über das ganze Jahr aus dem Supermarkt. Sie ernähren uns redlich, ganz ohne eine Saison oder eine Einschränkung, solange man sich das Lebensmittel leisten kann. Aber lass mich erst noch einmal etwas ausholen, es ist ja auch viel geschehen. In den letzten Jahren habe ich mich mehr und mehr informiert, da mich Meldungen in den zumeist sehr (sagen wir mal) unkritischen Medien, doch etwas nervös gemacht haben. Eine Andeutung hier und ein kleiner Bericht da, der (meist zu später Stunde) ausgestrahlt wurde, ließ doch ein ungutes Gefühl zurück. Lebensmittel die quer über Kontinente hinweg gekarrt werden. Düngemittel und Pestizide die unkritisch und in riesen Mengen genutzt werden. Monokulturen und immer wieder Meldungen von Lebensmittelskandalen….

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Wir müssten etwas tun, war uns klar, doch was und wie? Schritt eins war für uns logisch und einfach. Wir versuchen Saisonal einzukaufen. Dann war der zweite Schritt nur logisch, wir kaufen wenn es eben geht Bio Produkte. Klasse wir sind prima und tun ja was. Nur warum wurde das Gefühl im Bauch nicht wirklich beruhigt? Bio gut und schön, aber muss das Produkt um die halbe Erde geflogen werden? Also nehmen wir doch „einfach“ eine weiter Produkteigenschaft hinzu: Regional…. Habt Ihr mal versucht, das ein zu halten? Es ist echt verdammt schwer Märkte zu finden, die regionale Produkte bevorzugt anbieten. Versprechen werden zwar von Handelsketten gegeben, aber im Regal ist es schwer zu finden.

http://www.regional-saisonal.de/saisonkalender-gemuese

Was machen wir eigentlich mit unserem Essen? Wer produziert es und wer handelt damit?

Mit dieser Frage im Kopf fing ich an, im Netz zu suchen….. Mein Gefühl im Bauch ist seit dem nicht besser geworden, ganz ehrlich!

Bienensterben, handel von Grundnahrungsmittel an der Börse, Wasserprivatisierung, Monokulturen für Mais und Raps zur Energiegewinnung, geförderte Lebensmittel Exporte in Dritte Welt Länder und die Konzentration von Lebensmittel Konzernen. Merkst Du was? Es ist nicht mehr nur fünf vor zwölf und die Lage ist ernst. Erst war ich erstarrt, da ich nicht mehr wusste auf welches Problem ich mein Augenmerk richten sollte, dann wurden die Fragen aber klarer.

Was kann man tun, um es im Kleinen besser zu machen? Hat das Kleine etwa Auswirkung auf das Große?

Also Schritt eins und zwei bleiben wie oben schon beschrieben. Schritt drei war mich mit Insektenhotels zu beschäftigen und auch welche zu besorgen. Insekten sind neben den Honigbienen extrem wichtig für die Natur, haben aber vor allem zu wenige Nistplätze in unserer Kulturlandschaft! Will man also kleine Helfer für die Natur im Kleinen anheuern brauchen diese auch Raum zum Leben. Dies sollte man bei jeder Art von Gärtnerei berücksichtigen, also nicht jedes Totholz entsorgen und auch nicht jede Fuge oder Fläche versiegeln.

http://de.wikipedia.org/wiki/Insektenhotel

 

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Schritt vier ist bei mir logisch gewesen, da ich keinen Garten und kein Land besitze. Insekten und die menschliche Seele braucht Blüten und Grün! Auch und vor allem in der Stadt! Samnenbomben scheinen ein gute Möglichkeit und  die richtige Wahl! (Workshop: Seedbombs – Die Natur als Zünder! | Attensaat) Der Name ist militärisch und das sollten Samenbomben nicht sein! Es sind keine Biowaffen und sollten auch nicht außerhalb des Gesetzes eingesetzt werden. Aber was sind sie? Eine Mischung aus Erde, Ton und Samen, welche für den späteren Lebensraum speziell abgestimmt werden. Diese Samenbomben kann man bequem in der Jacke mitnehmen und sieht man eine Ecke, die dringend ein paar Blumen Tupfer benötigt, hinterlässt man die Samenbombe und wartet ab, was Regen und Sonne aus dem Samen machen. Es wird nicht aus jeder Bombe direkt eine Blumenwiese, aber man kann sie durchaus als Starthilfe bezeichnen. Bei den Samen, die man wählt sollte man im Übrigen auf die Qualität achten! Viele Samen im Handel sind so genannte Hybride, die sind also nicht Sortenfest und können sich selber nicht weiter sähen! Die Industrie findet diese Eigenschaft ganz toll, da wir jedes Jahr neue Samen kaufen müssen, aber für die Artenvielfalt und eine gesunde Natur ist das der Gau! Viele Bauern in der dritten Welt leiden unter solchen Saaten, da Sie jedes Jahr neue Samen kaufen müssen. Die Industrie gibt den Preis vor und die Bauern verarmen zunehmend. Bei klassischen Samen wurde ein Teil der Ernte zum sähen im nächsten Jahr benutzt und nur zugekauft, wenn zu wenig Samen vorhanden war. Gewinne scheinen auch bei den kleinen Samen wichtiger zu sein als Leben. Daher wird bei Samenbomben meist zu sortenstabilen Biosamen geraten. Blumen und Kräuter können sich auf jeden Fall selber weiter sähen, was natürlich wichtig ist, da viele Pflanzen einjährig sind und ohne eigene Reproduktion im nächsten Jahr wieder verschwunden sind.

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http://www.nutzpflanzenvielfalt.de/

http://www.kultursaat.org/geschichte.html

http://saatgutpolitik.arche-noah.at/

http://www.bantam-mais.de/

 

Nun haben wir über unser Kauf Verhalten nachgedacht, Insekten ein neues Zuhause gegeben und etwas für deren Ernährung und unser Seelenleben getan. Ich finde das schon einmal prima, aber kann ich noch etwas tun? Mein erster Gedanke, da muss noch was gehen, aber ich habe ja wie beschrieben kein eigenes Land. Da ich mit meinem Ansinnen scheinbar nicht alleine bin, fand ich schnell Projekte, die auch mich begeister haben. Ich mache mal eine kleine Aufstellung von Möglichkeiten, sein eigenes Gemüse anzubauen, ohne ein Grundstück gekauft zu haben.

Guerilla Gardening: Man sucht sich ein Stück Land und fängt einfach an zu pflanzen. Meist dient Guerilla Gardening heute zwar der Verschönerung von Baumscheiben und herrenlosen Blumenkästen, aber auch Grünstreifen, oder „herrenlose“ Grundstücke können genutzt werden. Samenbomben fallen im Übrigen auch unter Guerilla Gardening. Geschichtlich gesehen ist dies keine neue Erscheinung, da es halt schon immer arme Menschen gab, die darauf angewiesen waren ihren Speisplan aktiv zu erweitern, auch wenn die Landbesitzer meistens etwas dagegen hatten.

http://www.greencity.de/themen/stadtgestaltung/guerilla-gardening/ 

http://guerillagardeningmunich.weebly.com/

http://www.utopia.de/magazin/das-abc-des-guerilla-gardening

Balkongärtnern ist auch eine gute Möglichkeit, wenn man einen Balkon hat, seinen Speiseplan mit Gemüse aus eigener Zucht zu erweitern. Dem Motto folgend „Platz ist in der kleinsten Hütte“ Kann man nicht nur Kräuter in Blumenkästen und Schalen pflanzen, sondern auch Salat, Tomaten, Radieschen, Möhren und vieles mehr. In tieferen Eimern werden sogar manche Kartoffelsorten reiche Früchte tragen. Man ist mit der Ernte nicht unabhängig in seiner Versorgung, aber es ist schon etwas Besonderes seinen eigenen Salat zu ernten und ihn dann zu verspeisen.

(Tolle Bücher und Blocks im Netz bitte selber suchen)

Schrebergarten/ Kleingarten gibt es in allen größeren Städten, sie werden meist von einem Verein geführt. Die Vereinsregeln sind häufig recht unflexibel, aber man bekommt meist Tipps und Hilfe von anderen Gärtnern, was den Einstieg erleichtert.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kleingarten

Grabeland ist ein Stück Land, dass man mieten kann, um dort Gemüse an zu bauen. Dies sind meist Grundstücke welche nicht bebaut werden können, oder die erst in Jahren bebaut werden sollen. Meist haben diese Grundstücke kein Strom und Wasseranschluss. Bewässern ist damit hier die größte Herausforderung. Man ist natürlich hier auf sich selber angewiesen, aber es gibt halt keinen Vereinszwang.

(Siehe lokal Presse)

Solidarische Landwirtschaft

Ein Bauer, der sich nicht an Vertriebsketten und Subversionen binden will stellt ein Konzept und eine Jahresplanung auf, in dieser Planung steht die zu produzierenden Waren für das nächste Wirtschaftsjahr und eine Kostenaufstellung der Betriebskosten. Ein Gruppe von Interessenten (Verbraucher), die Interesse an fair gehandelten und gut erzeugten Lebensmitteln haben, bilden einen Unterstützerkreis. Dieser Unterstützerkreis zahlt nun anteilig nach dem Verbrauch und der Möglichkeiten seinen Anteil an den Betriebskosten. Hierfür erhält jeder Unterstützer Obst und Gemüse über das nächste Wirtschaftsjahr und zwar saisonal lokal produziert. Der Bauer kann nun sicher produzieren und der Absatz für das Jahr ist gesichert. Das Gehalt des Bauern und der Angestellten ist teil der Betriebskosten und wird fair und offen dargestellt. Die Konsumenten wissen wo und wie produziert wird und haben in der Regel auch ein Mitsprache Recht was produziert wird. Verlierer ist nur die Lebensmittelindustrie. Es ist keine günstige Möglichkeit sich zu versorgen, aber sie ist fair und gerecht. Ein super Modell, für bewußte Verbraucher, die nicht selber gärtnern wollen oder können.

http://www.solidarische-landwirtschaft.org/

http://de.wikipedia.org/wiki/Solidarische_Landwirtschaft

http://rotebeete.org/

http://www.entrup119.de/map/index.html

Urban Gardening – Der Garten in der Stadt ist nicht einfach, aber die Projekte die es schon gibt machen Mut. Es geht darum in der Gemeinschaft einen Garten zu schaffen. Es kann ein Gemeinschaftsgarten in einem Wohngebiet sein, bei dem man Grünflächen umnutzt, zum Beispiel zusammen mit der Wohnungsbau Genossenschaft. Es kann aber auch eine Brache übernommen werden. Bei Brachen ist meist der Boden belastet, daher bietet sich ein Kistengarten oder auch Wandergarten an. Bei diesem Gartenmodell werden die Pflanzen nicht in den Boden gepflanzt, sondern in ausgediente Brotkisten, alten Reissäcken oder in Tetrapacks. Wichtig ist es, dass die Pflanzgefäße günstig sind und auf jeden Fall Lebensmittelecht, das Gemüse soll ja nicht durch Weichmacher belastet werden. Ein großer Vorteil dieses Modells liegt darin, dass man mit den Kisten und somit mit dem Garten auch umziehen kann, wenn das Grundstück zum Beispiel geräumt werden soll, und  diese Gärten sind nicht auf fruchtbaren Boden vor Ort angewiesen. Man kann den Garten auf Schotter, auf einem ausgedienten Parkplatz oder auf einem Flachdach errichten. Da der Garten gemeinschaftlich bewirtschaftet wird ist das Gartenmodell nichts für Einzelgänger. In dem Garten werden Güter erwirtschaftet und deren Verteilung will gelernt sein. Neben Sortenschutz und Gemeinschaftsgefühl ist die Urban Gardening Idee eine super Sache, um Menschen lokal uns saisonal zu ernähren. Diese Gärten verbessern das Wohnklima und die Lebensqualität.

Prinzessinnengarten

Home – NeuLand Köln

Hier ist der Garten – Architektur in Cottbus

Essbare Stadt (oder Dorf) ist eine größer angelegte Form von Urban Gardening. Meist in armen Städten und Regionen wird jede freie Grünfläche zum Erzeugen von Lebensmitteln frei gegeben. Hierbei muss natürlich die Lokalpolitik mitspielen. In schweren Zeiten sind solche Gärten für viele Menschen wichtig, um überhaupt leben zu können. Früher nannte man solche Gärten und Flächen Armengärten, die von der Stadt vergeben wurden, wenn nicht der Arbeitgeber einen Garten zur Selbstversorgung mit zur Verfügung gestellt hatte. Wenn die Bürger nichts zu essen haben, brauchen sie auch keinen Park zum flanieren. Ich denke, in manchen Regionen sollte man ernsthaft über dieses Modell nachdenken.

http://speiseraeume.de/essbare-stadt-andernach/

http://www.essbare-stadt.de/

http://www.hortipendium.de/Essbare_Stadt

 

Gemüsegarten Mieten ist ein neuer Trend, der sehr einfach umzusetzen ist. Bauern nehmen ein Teil Ihres Landes und kultivieren einen großen Garten daraus. Dieser Garten wird in kleine Parzellen unterteilt und mit Gemüse und Kräutern bepflanzt. Nun können die Kunden das gemietete Grundstück für eine Saison übernehmen. Der Bauer bietet den Rest des Jahres die nötige Infrastruktur (Wasser und Werkzeuge) und steht regelmäßig mit Ratschlägen und Tipps zur Verfügung. Pflegen und ernten muss aber jeder sein Grundstück selber. Man lernt dabei viele Sachen, die früher alltagswissen waren und ernährt sich dabei auch noch selber. Ein großer Vorteil dieses Modells ist, dass man das Gärtnern ausprobieren kann, ohne gleich viel Geld zu investieren. Die Jährliche Miete muss man aber aufbringen können. Bei Harz 4 oder ALG1 ist das aber meist nicht möglich.

(Da dieses Modell kommerziell ist, lasse ich Euch mal selber suchen 😉 )

 

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Modelle gibt es also genug, je nach Vorkenntnissen und Möglichkeiten, ob die Politik oder ein Sponsor mitmachen, ob man alleine oder in einer Gruppe ist. Der Garten ist politisch, diese Aussage hat mich am meisten beeindruckt und ja er ist es. Was jeder machen mag und wie weit er gehen möchte oder muss, kann er nur selber entscheiden. Ich will und werde mich nun bewegen und der Natur in meinem Umfeld helfen uns Menschen zu helfen. Ich möchte aber noch einmal die wichtigsten Punkte auflisten:

 

  • Insekten Schutz und Lebensraum schaffen und erhalten
  • Artenschutz und Artenvielfalt erhalten
  • Gesund und nachhaltig ernähren
  • Lebensraum verbessern
  • Geld sparen
  • Selbstbestimmung wiedererlangen
  • Wissen erhalten
  • Wirtschaftsmacht beeinflussen
  • Stadt verschönern

Der Garten ist politisch

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